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«Wir werden Maschinen nicht alles blind überlassen»

Was bringt die Zukunft der Arbeits- und Bildungswelt? Was bedeutet die Digitalisierung für junge Arbeitnehmer? Die ETH-Studenten Thomas Etterlin und Marco Erni sprechen mit Dr. Karin Vey, Innovationsexpertin bei IBM, über Künstliche Intelligenz, Ethik und die künftigen Anforderungen der Wirtschaft an junge Arbeitskräfte.

Was bringt die Zukunft der Arbeits- und Bildungswelt? Was bedeutet die Digitalisierung für junge Arbeitnehmer? Die ETH-Studenten Thomas Etterlin und Marco Erni sprechen mit Dr. Karin Vey, Innovationsexpertin bei IBM, über Künstliche Intelligenz, Ethik und die künftigen Anforderungen der Wirtschaft an junge Arbeitskräfte.

Thomas Etterlin: Was mir etwas Sorgen macht: Ich habe das Gefühl, dass unser Studium das vernetzte Denken nicht genügend fördert. Sind wir schlecht auf die Arbeitswelt vorbereitet? Oder ist es die Aufgabe der Unternehmen, dies zu übernehmen?

Projektarbeiten sind gerade auch im Studium sehr geeignet, um übergreifendes, vernetztes und interdisziplinäres Denken zu lernen. Aus der Sicht der Industrie ist es wichtig, dass junge Leute gewisse Grundkompetenzen bereits mitbringen – auch was interdisziplinäre Zusammenarbeit angeht. Wir bei IBM fordern von Forschern, dass sie nebst ihrer Expertise über ein breites Wissen verfügen, damit sie ihr Tun einordnen können. Darüber hinaus wünschen wir uns Kommunikations- und Kollaborationsfähigkeiten. Kaum jemand arbeitet heute noch komplett allein. Unsere Wunschvorstellung ist die Wiedergeburt des Renaissancemenschen. Das klingt, als ob es eine hohe Anforderung wäre, aber letztendlich ist es genau das, was Sie brauchen, um in Zukunft in der Arbeitswelt erfolgreich zu sein: Selbstbewusstsein und ein ganzheitliches, breites Wissen. Ich denke, dass Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehr viel geringer sind, wenn Sie wenig in Ihre «Soft Skills» investieren.

Marco Erni: Mit der Digitalisierung übernehmen immer mehr Maschinen die Kompetenzen der Menschen. Wo liegen denn zukünftig die Stärken der Menschen?

Die Maschine ist stark in der Mathematik, dem Kalkulieren von Wahrscheinlichkeiten und dem Arbeiten mit riesigen Datenmengen. Zudem hat sie das perfekte Gedächtnis. Doch gewisse Kompetenzen können Maschinen vermutlich nie übernehmen. Wir Menschen sind gut, wenn es um Kreativität geht und um generalisierendes Denkvermögen über verschiedene Bereiche hinweg. Wir können das holistische Gesamtbild sehen und wir haben ein Abstraktionsvermögen. Zudem verfügen wir über Empathie und Intuition – also unser kondensiertes Erfahrungswissen, das relevant ist, um eine Situation spontan beurteilen zu können.

M.E.: Was heisst das konkret für uns als Arbeitnehmer?

In Zukunft wird es darum gehen, dass wir komplementär zu den Maschinen agieren, denn sie werden unsere menschlichen Fähigkeiten ergänzen. Wir müssen also herausfinden, wann es etwa besser ist, dem Algorithmus zu folgen und wann wir besser unsere Stärken wie die Intuition einsetzen sollten. Und um das herauszufinden, benötigt man «Kritisches Denken».

M.E.: «Kritisches Denken» ist auch in unserem Studium ein Begriff. Aber ich habe Mühe, mir etwas Konkretes darunter vorzustellen.

Es bedeutet, dass Sie in erster Linie selbstreflexiv handeln. Das heisst, dass Sie in einer konkreten Situation einen Schritt zurücktreten und sich überlegen: ‹Was passiert hier eigentlich? Was ist meine Rolle? Wo liegt meine Verantwortung?› Das verstehe ich unter kritischem Denken.

T.E.: Das heisst, es ist eine Gratwanderung zwischen blindem Vertrauen in eine Maschine und der Ablehnung dieser?

Genau. Wir müssen sehr exakt wissen, was die Maschinen können und wo deren Grenzen liegen. Wir werden ja nicht den Maschinen alles blind überlassen. Im Gegenteil. Wir müssen Mechanismen entwickeln, die transparent machen, was die Maschinen tun, und wir müssen sie kontrollieren. Hier geht es um Ethik und Vertrauen.

T.E.: Die ethischen Fragen sind sehr aktuell. Wir haben bereits heute Roboter, die ethische Abwägungen machen müssen – wie selbstfahrende Autos. Aber wir haben noch keine Richtlinien. Sind wir da zu schnell vorgeprescht?

Es ist sicher an der Zeit, diesen Fragen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. In Zukunft müssen ethische Richtlinien vorhanden sein, die man anwendet, bevor ein Produkt mit künstlicher Intelligenz in die Entwicklung geht. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt: Man muss die Algorithmen so konstruieren, dass sie ihr Tun erklären. Und es muss so etwas wie «embedded values» geben, damit sich die Systeme nicht in eine falsche Richtung entwickeln, nichts Unethisches lernen. Dies kann man verhindern, indem man Ethikmodule mit einem unveränderbaren Kern in die Systeme integriert. Hierbei gibt es zwei Fragestellungen: Was für eine Ethik soll ich integrieren? Und: Wie soll das Ganze funktionieren? Für die erste Frage gibt es noch nicht wirklich eine Antwort. Soll es eher eine «Du-Sollst-Ethik» sein, oder eine Ethik, die sich an den Konsequenzen orientiert? Bei der Frage des «Wie» gibt es eine klarere Vorstellung: Auf der einen Seite geht es darum, dass das System das Verhalten der Menschen beobachtet und dabei lernt. Aber es muss auch eine feste Grundethik in sich haben, die nicht durch das Lernen überschrieben werden kann. In die Erforschung dieses Bereichs wird in den nächsten Jahren sehr viel investiert werden.

M.E.: Sollten die Unternehmen Ethikrichtlinien aufstellen oder ist es die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, diese vorzugeben?

Vielen Firmen ist absolut bewusst, dass man die Systeme stärker kontrollieren muss. Daher wurde vor einigen Wochen eine Partnerschaft zwischen Amazon, DeepMind/Google, Facebook, IBM und Microsoft beschlossen. Und zwar mit dem Ziel, die Systeme in einer ethisch vertretbaren Weise weiter zu entwickeln. Aber die Verantwortung liegt nicht nur bei den Unternehmen, sondern auch in der Politik und der Gesellschaft. Diese müssen den Rahmen für die Entwicklung vorgeben. Es ist gut, dass die Industrie einen ersten Schritt macht, aber sie tut das auch in enger Abstimmung mit diversen Regierungen. Wir werden in Zukunft auch vollkommen neue Berufsbilder sehen, auch so etwas wie den «Roboter Supervisor». Dies wird eine Aufgabe sein, die der Staat übernehmen sollte. Die staatliche Kontrolle mit entsprechenden Gesetzen ist zwingend.

T.E.: Das Silicon Valley nimmt in der Entwicklung der künstlichen Intelligenz eine zentrale Rolle ein. Können sich nur die grossen Firmen an dieser Entwicklung beteiligen?

Nein. Wir bei IBM haben unsere Strategie vor einigen Jahren geändert. Unser Supercomputer «Watson» haben wir quasi in seine „Bestandteile“ zerlegt und stellen seine Funktionalitäten hinsichtlich der künstlichen Intelligenz auf unserer Bluemix-Plattform zur Verfügung. Dort gibt es nun über 30 APIs (application programming interfaces, dt.: Programmierschnittstellen) aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz, wie z.B. lernende Sprach- oder Bildverarbeitung, die Entwickler in ihre Lösungen einbauen können. Die Nutzung dieser Werkzeuge wurde somit äusserst niederschwellig.

M.E.: Man kennt es aus Science-Fiction-Filmen: Die Maschinen wenden sich plötzlich gegen uns. Wie können wir ihnen vertrauen?

Dass wir den Maschinen vertrauen können, wird in Zukunft eine generelle Forderung an die Systeme sein. Diese müssen erklären können, was sie tun und zwar in Worten und Begriffen, die wir Menschen auch verstehen. Wenn wir das nicht schaffen, wird die Entwicklung der künstlichen Intelligenz nicht weit führen.

M.E.: Was wird in Zukunft der Stellenwert der Berufsbildung sein? Braucht es noch Leute an der Werkbank oder werden wir nur noch mit Hochschulbildung weiter bestehen können?

Ich denke, gerade in der Berufsbildung werden wir Menschen mehr denn je gebraucht. Die Maschinen werden nicht alles übernehmen können. Gerade auch an der Werkbank wird es um die Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine gehen. Doch in der Berufsbildung wird sich einiges ändern, man wird mehr auf den kreativen Bereich und auf Planungsaufgaben fokussieren, während die Maschine die Routineaufgaben und repetitive Arbeiten übernimmt.

T.E.: Wir steigen bald ins Arbeitsleben ein. Welche Schlüsselkompetenzen sind vermehrt gefragt und was wird bald nicht mehr so wichtig sein?

Wenn Sie anstreben, sich zu einer Führungskraft zu entwickeln, dann werden drei Schlüsselkompetenzen zentral sein: Empathie, kritisches Denken und «Artistic Intelligence», also kreative Fähigkeiten. Sie sollten mehr wie ein Künstler agieren können, experimentieren und nicht von vornherein alles durchplanen. Einfach mal ausprobieren, bis man zu einer Lösung kommt, die aktuell die beste ist, auch wenn man sie nicht von Anfang an geplant hat. Die drei Soft Skills werden absolut essentiell sein, denn hier werden Ihnen die Maschinen keine Konkurrenz machen.

T.E.: Programmieren muss also nicht Pflichtfach werden im Gymnasium, wie das gewisse Politiker verlangen?

Ich bin zwar der Meinung, dass es absolut notwendig ist, zu verstehen, wie IT-Systeme funktionieren. Das heisst für mich aber nicht zwingend, dass man selber programmieren lernen muss.

T.E.: Auf was freuen Sie sich persönlich im Alltag am meisten in Bezug auf die kommende Digitalisierung? Ich zum Beispiel freue mich am meisten auf das eigene selbstfahrende Auto.

Ich freue mich am meisten auf eine intelligente Umgebung zu Hause, die es auch möglich macht ältere Menschen besser im Alltag zu unterstützen. Meine Mutter zum Beispiel kommt allmählich in ein Alter, bei dem ich froh bin, wenn ich weiss, dass sie sicher zu Hause ist. So wäre ich froh, wenn es eine intelligente Umgebung gäbe, die mich über sich anbahnende Notfälle informiert.

Tags: Arbeit

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